„Das ist ja keine Doomsday-Veranstaltung“
Herausforderung: Nachhaltige Entwicklung – so heißt die seit vielen Jahren stattfindende Ringvorlesung, die zuletzt ein Team um Prof. Dr. Sven Linow organisiert hat. Er unterrichtet Wärmelehre und Umwelttechnik am Fachbereich MK und sagt, die Veranstaltung sei ein Debattenformat für die Hochschule. Sie mischt Dringlichkeit mit Hoffnung. Um die Prüfung zu bestehen, müssen sich die Studierenden intensiv mit dem jeweiligen Thema auseinandersetzen, das die Veranstaltung vertieft. Im Winter 2024/25 war es Klimaanpassung und im Winter 2025/26 Genügsamkeit.
Guten Tag, Herr Linow, wie sieht ein typischer Termin der Ringvorlesung aus? Gibt es überhaupt einen typischen Termin?
Ja, unsere Ringvorlesung hat einen roten Faden: Wir haben eine Einführungsveranstaltung, wir haben eine Abschlussveranstaltung und dazwischen bauen die einzelnen Veranstaltungen thematisch aufeinander auf. In den einzelnen Terminen trägt immer eine Person, von der wir begeistert sind, ihr Thema vor und danach gibt es eine offene Diskussion. Die Ringvorlesung ist öffentlich, also nicht nur hochschulöffentlich, sondern auch für die Stadtgesellschaft.
Es gibt zu den 30 bis 40 Studis aus verschiedenen Fachbereichen also noch das Stadtpublikum. Wie gehen Sie mit diesen unterschiedlichen fachlichen Vorkenntnissen um und wie holen Sie alle ab?
Wir haben eine Einführungsveranstaltung für die essentiellen Grundlagen, letztes Wintersemester war sie zum Thema Genügsamkeit. Im Vorfeld wird zudem die Struktur vorgestellt, also was das Publikum an den einzelnen Terminen erwartet, und die Vortragenden wissen alle, wer zuhört und wo sie ansetzen müssen.
Gibt es aber Kompetenzen, die die Zuhörer*innen mitbringen sollen?
Was wir gerne hätten, ist einfach Neugier. Also wirklich zu sagen: Ich bin wegen des Themas hier.
Und gibt es Kompetenzen, die durch die Ringvorlesung gestärkt werden oder mit denen das Publikum rausgeht?
Das Ziel ist, sich mit einem schwierigen Thema kontinuierlich zu beschäftigen. Und zwar eins, was persönlich fordert. Die beiden letzten Veranstaltungen halte ich für extrem herausfordernd, wenn ich mich da thematisch wirklich drauf einlasse, also auch intellektuell und emotional, … Dann kann ganz viel passieren. Das ist die Hoffnung, die wir haben. Im besten Fall erreichen wir die Leute auf diesen ganzen Ebenen.
Es ist für unsere Studis häufig das erste Mal, dass sie wirklich diese multidisziplinäre Welt aufgefaltet bekommen, dass da jemand kommt und ihnen etwas erzählt aus einer Disziplin, von der sie noch nie gehört haben, aus einer Perspektive, die sie nicht kennen. Dieses „schau mal, die Welt ist groß, die Welt ist bunt“ ist die Hoffnung dahinter.
"Wenn ich mich da thematisch wirklich drauf einlasse, also auch intellektuell und emotional,... Dann kann ganz viel passieren."
Setzt da auch das Begleitseminar an?
Das Begleitseminar entstand daraus, dass relativ viele Student*innen gerne eine 5 CP-Prüfungsleistung hätten. Das Begleitseminar und die Ringvorlesung zusammen sind dann das 5 CP-Paket.
Das heißt, nicht alle machen das Begleitseminar?
Genau. Es gibt die, die nur die Ringvorlesung besuchen und diese selbst nacharbeiten. Die machen am Ende eine Essay-Klausur für 2,5 CP.
Im Begleitseminar wird im besten Fall heftig gearbeitet. 24/25 haben die Studis ein Klimaanpassungskonzept für eine soziale Einrichtung erarbeitet. Das ist nicht ohne – ist aber gut gelungen. Nächstes Wintersemester würde ich gerne wieder Service Learning anbieten, weil das für die Studis eine Selbstwirksamkeits-Erfahrung ist, da passiert ganz viel. 25/26 war das Thema zu abstrakt dafür, die Studis haben stattdessen aus drei unterschiedlichen Perspektiven heraus die Frage bearbeitet: Was ist eigentlich in der Ringvorlesung passiert? Wie kann ich die Einzelpunkte inhaltlich miteinander verbinden? Daraus entstand eine ganz tolle Abschlussveranstaltung.
Und wieso ist die Essay-Klausur die richtige Prüfungsform für die Ringvorlesung?
Weil wir in einem Zeitalter leben, in dem alles, was uns schriftlich als Hausarbeit abgegeben wird, aus einem LLM kommen könnte. Mit der Essay-Klausur können wir sehen, was jemand selbst mitgenommen hat und ob dieses Wissen auf andere Szenarien übertragen werden kann.
Wo sehen Sie noch Entwicklungspotential bei der Veranstaltung?
Wir machen das Format auch als Debattenformat für die Hochschule. Es ist ein Ort, an dem wir extrem wichtige gesellschaftliche Fragen erarbeiten. Wir sehen aber, dass viel zu Wenige aus der Hochschule anwesend sind. Das ist schade. Es gibt ein paar, die kommen regelmäßig, aber es sind nicht viele.
Außerdem hatten wir in der Abschlussdiskussion manchmal Wortbeiträge, bei denen wir gemerkt haben: Du warst zwar da, hast aber eigentlich nicht zugehört. Wenn wir über nachhaltige Entwicklung und planetare Grenzen sprechen, dann hat das eine ungeheure Dringlichkeit, weil es um Fragen geht, wie es uns hier in 5 Jahren ergeht, ob wir in 30 Jahren noch leben, also wie wir unsere Zukunft gestalten. Dann hat „ich trenne meinen Müll“ oder „ich kauf auch mal Bio“ mit dem, was in der Ringvorlesung gelaufen ist, nix zu tun.
Dann mal die gegenteilige Frage: Was ist Ihr Highlight, was hat gut funktioniert?
Die Vortragenden sind immer toll, alle sind sensationell gut. Es war sehr gemischt. Die Vortragsart und die inhaltliche Struktur waren ganz unterschiedlich. Da hatten wir richtig viel Glück.
Was sollen Studierende (oder die Stadtbevölkerung) langfristig aus den Vorträgen mitnehmen?
Das Thema in diesem Winter war ja Genügsamkeit und Suffizienz. Wir sind davon ausgegangen, das ewiges Wirtschaftswachstum nicht geht. Das ist ja erstmal trivial. Ich weiß aber, dass es in unserer Gesellschaft noch nicht jeder glaubt. Natürlich ist die Hoffnung, dass Menschen, die sich ein Semester mit diesem Thema auseinandersetzen und ganz viele Perspektiven dazu kriegen, das dann auch mitnehmen.
"Klimanpassung betrifft uns sehr persönlich und sehr massiv – auch ganz konkret hier in Darmstadt."
Was könnte denn jede Person in ihrem Alltag selbst machen oder im Hinterkopf behalten?
Ich glaube, was in der Veranstaltungsreiche immer wieder sehr klar wird: Es ist ernst! Wir reden hier nicht über irgendeinen Kikifax. Nur weil unsere aktuelle Regierung das Thema nicht mag, bedeutet das nicht, dass uns Klimaanpassung oder das Ende des Wachstums nicht sehr persönlich und sehr massiv betrifft – ganz konkret hier in Darmstadt.
Mein Eindruck ist, dass wir das eigentlich wissen, aber das Thema momentan medial weniger präsent ist und wir uns weniger damit beschäftigen. Aktuell fällt es zwischen all den anderen Themen hinten runter. Haben Sie eine Idee, wie wir dieses Thema wieder mehr platzieren können?
Ich weiß es nicht. Ich versuche zwar, das Thema in meinen Lehrveranstaltungen sichtbar zu machen. Momentan haben die Verleugner aber die Oberhand. Meine Hoffnung ist natürlich, wir kriegen die Kurve auf einem vernünftigen Weg. Ich befürchte aber, dass das Thema erst wieder aktuell wird, wenn sehr viele Menschen hier gestorben sind. Also ich habe tatsächlich Angst, dass es erst angepackt wird, wenn es wirklich zur Sache geht.
Das kann ich verstehen. Ist Ihre Ringvorlesung, die für alle Menschen offen ist, da vielleicht ein kleiner Baustein?
Das ist die Idee. Das ist die Idee zu sagen: „Schau mal“. Und es ist auch ganz wichtig: Das ist ja keine Doomsday-Veranstaltung. Wir versuchen, Hoffnung darzustellen, also zu sagen: Es gibt Alternativen, man kann andere Dinge denken, man kann andere Dinge machen. Jeder. Zum Teil alleine, zum Teil gemeinsam.
Das klingt jetzt wieder ein bisschen hoffnungsvoller.
Ich habe schon ein paar Mal erlebt – noch nicht oft, aber ein paar Mal – dass Studis sagen: „Geht eh alles den Bach runter.“ Das kann ich als Lehrender nicht tun. Ich kann mich da vorne nicht hinstellen und sagen: „Geht eh alles den Bach runter.“ Das wäre von mir zynisch und menschenverachtend und das will ich nicht. Deshalb versuchen wir natürlich Veranstaltungen zu machen, die Hoffnung transportieren. Nicht Optimismus, aber Hoffnung.
Herr Linow, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Weitere Infos zur Ringvorlesung finden Sie hier: https://ine.h-da.de/lehre/ringvorlesung